
Vier Künstlerinnen fragen im Freiraum des Südtiroler Künstlerbundes in Bozen, was uns heute Halt gibt. Zur Vernissage am 22. Oktober gibt es Pasta für alle.
Was bewegt und nährt uns in der heutigen Zeit? Was gibt uns Halt, was inspiriert uns und was verbindet die innere mit der äußeren Welt? Diesen Fragen gehen Hanna Battisti, Brigitte Knapp, Paula Prugger und Lissy Pernthaler in ihrer Gemeinschaftsausstellung „Pasta in bianco. Was uns nährt“ nach. Vom 23. bis 27. Oktober 2026 zeigen sie im Freiraum des Südtiroler Künstlerbundes in der Bozner Weggensteinstraße 12 Malerei, Fotografie, Lyrik, Klanginstallation, Performance und eine immersive Installation. Die Ausstellung wird am Donnerstag, 22. Oktober, um 19:00 Uhr eröffnet.
Auf einen Blick
Pasta in bianco. Was uns nährt Gemeinschaftsausstellung von Hanna Battisti, Brigitte Knapp, Paula Prugger und Lissy Pernthaler
Am Donnerstag, 22. Oktober 2026, öffnet der Südtiroler Künstlerbund sein Erdgeschoss in der Weggensteinstraße 12 in Bozen für einen gemeinsamen Abend. Um 18 Uhr lädt das SKB LAB zum Aperitivo mit Talk: Eva Gratl im Gespräch mit Liesbeth Henderickx und Kasper de Vos, die derzeit als Residenzkünstler:innen im SKB LAB leben und arbeiten. Ab 19 Uhr geht es weiter in den zweiten Innenhof zur Vernissage von Pasta in bianco: Was uns nährt, eine Gemeinschaftsausstellung von Paula Prugger, Hanna Battisti, Brigitte Knapp und Lissy Pernthaler mit Performance und anschließender Pasta für alle. Von 18 bis 21 Uhr öffnen außerdem einige der SKB ATELIERS ihre Türen.
Das SKB LAB serviert den Aperitivo, Pasta in bianco die Hauptspeise, und dazwischen laden die Ateliers zum Hineinschauen ein. Ein Abend ganz im Sinne dessen, was Kunst kann: verbinden und nähren.
Es gibt eine Geste, die älter ist als jedes Wort dafür. Jemanden zudecken. Ein Tuch über die Schultern legen, eine Decke über ein schlafendes Kind ziehen, jemandem, der friert, die eigene Jacke umhängen. In dieser kleinen Bewegung liegt alles, was Fürsorge meint: Ich sehe dich. Ich halte dich warm. Du bist sicher.
Das Ritual, von meiner Mutter, meinem Vater oder der Großmutter zum Schlafen gehen zugedeckt zu werden, ist ein Gefühl absoluter Geborgenheit. Es ist so tief in meinem System gespeichert, dass wenn mich heute als Erwachsene Frau jemand zudeckt, sich in mir sofort jenes wohlige Gefühl der Vergangenheit ausbreitet, das mich auch damals überkam. Und ebenso selbstverständlich gebe ich es meinem Neffen, meiner Nichte oder meinem Partner weiter. Diese Geste hebelt die Alltagswelt für einen Moment aus und lässt uns in die Einheit des Verbundenseins sinken.
Manche Dinge nähren uns. Sie sind eine andere Form der Nahrung: Wärme. Nähe. Das Gefühl, gehalten zu sein. Zugedeckt zu werden.
Diese Installation greift diese Geste auf und macht sie erfahrbar. Sie fragt, was uns nährt, wenn nicht nur der Körper Hunger hat. Und sie holt sich ihr Bild aus dem Meer, von einem Tier, das seine Zärtlichkeit am eigenen Leib trägt.
Ein Mantel lädt ein, hineinzuschlüpfen. Dort, wo ein Mantel normalerweise aufhören würde, hört er aber nicht auf. Er geht über in eine überdimensionale Decke, die sich in den Raum hinein ausbreitet. Seine pastellenen Farben und Muster erinnern an ein Tier, das die meisten Menschen nie zu Gesicht bekommen.
Der Blanket Octopus (Tremoctopus violaceus) schwebt in der oberen Freiwasserzone des offenen Meeres, weit verbreitet und trotzdem selten zu sehen. Sein deutscher Artname ist Löcherkrake, geläufiger aber ist der Name, den ihm seine Decke gegeben hat: Deckenkrake, blanket octopus. Zwischen den langen Rückenarmen der erwachsenen Weibchen spannt sich eine durchsichtige Hautmembran, weit wie ein Tuch. Bei Gefahr breitet das Weibchen sie aus und macht sich größer, als es ist.
Die Sprache der Biologie hat diesem Tier noch ein zweites Wort mitgegeben. Beim Kopffüßer heißt der Körper selbst Mantel, und der Hohlraum darin Mantelhöhle. Ein Wesen, das ganz Mantel ist und eine Höhle in sich trägt.
Das Weibchen wird bis zu zwei Meter lang und zehn Kilo schwer. Das Männchen bleibt drei Zentimeter klein und wiegt ein viertel Gramm, es ist kaum größer als das Auge seiner Partnerin. Bis zu 40.000 Mal schwerer kann sie sein als er. Einen so extremen Größenunterschied zwischen den Geschlechtern kennt man von keinem anderen größeren Tier.
Ob eine Situation sich genau so zugetragen hat, wie wir sie erinnern, wissen wir selten. Was jedoch verankert bleibt, ist das Gefühl, das wir mit ihr verbinden. Und oft ist dieses Gefühl die wahrere Erinnerung, weil sie emotional gespeist ist.
Das Muttertier steht in dieser Installation für die Mutterliebe, für den Schutz und für das Weiche und Weibliche, das gleitend durchs Leben zieht und dabei Schönheit, Sanftheit und Liebe verbreitet.
Bedingungslose Liebe, wie wir sie im besten Fall als Kinder erfahren durften, ist uns als Erwachsenen in dieser Form kaum noch zugänglich. Wir bekommen sie nicht mehr geschenkt. Wir können sie uns nur noch geben, auf zwei Ebenen: auf Augen- und Herzhöhe in einer partnerschaftlichen Beziehung, und in einer Beziehung voller Mitgefühl zu uns selbst.
Blanket Octopus Lullaby. you nourish me erzählt von der Geste, mit der wir uns selbst oder einem geliebten Menschen Liebe und Wertschätzung zeigen. Wir decken zu, uns oder die andere Person, wörtlich und metaphorisch gesprochen. Eine wohlige Decke voller Geborgenheit für Entspannung, das Gefühl von Angekommensein. Das Nervensystem beruhigt sich, wir fühlen uns sicher.
Was uns nährt, ist nicht nur das, was wir essen. Es ist auch das, was uns trägt: Wasser, das Element, in dem jedes Leben beginnt und in dem dieses Tier schwebt, und Geborgenheit, ohne die kein Mensch wirklich satt wird. In dieser Arbeit treffen die beiden Grundthemen der Ausstellung, die Nahrung und das Wasser, im Zudecken aufeinander.
Auf die gegenüberliegende Wand ist ein Video projiziert. Es zeigt im Wechsel Bilder vom Blanket Octopus, wie er durch das offene Meer gleitet, und eine Videocollage aus nährenden Bewegtbildern und Aufnahmen der tanzenden Künstlerin. Über Kopfhörer sind Unterwassergeräusche mit sphärischen Klängen zu hören. Bild und Klang halten den Raum in einer Langsamkeit, in der der Atem von selbst tiefer und zentrierter wird.
Die Besucher:innen sind eingeladen, in den Mantel zu schlüpfen, sich auf die bereitgestellte Sitzinsel zu legen oder zu setzen, sich zuzudecken und einzukuscheln, den Klängen zu lauschen. So lange sie mögen.
Lissy ist ein Ideenkind und bewegt sich auf verschiedenen Ebenen des Ausdrucks. Sie wurde 1983 in Bozen geboren und ist in Kaltern aufgewachsen. Sie ist Schauspielerin, (Performance)-Künstlerin und Autorin, im Herzen Tänzerin. Auf der Suche nach Tiefe in ihrem Ausdruck fand sie zum Yoga und schließlich zur Meditation und Bewusstseinsarbeit, ließ sich darin ausbilden.
Engagements am Theater seit ihrer Jugendzeit führen sie auch nach ihrem Schauspielstudium in Berlin an verschiedene Theater im deutschsprachigen Raum. Es folgt das Studium der Europäischen Medienwissenschaft in Potsdam, welches sie mit einem Bachelor of Arts abschließt. Seit 2014 erhält sie Engagements als Schauspielerin in deutschen, österreichischen und internationalen Kinoproduktionen.
Das Schreiben begleitet Lissy schon seit ihrer Kindheit. Sie veröffentlicht, Lyrik, Kurzgeschichten und schreibt Szenische Texte. Beim Schreiben, egal in welcher Form, ist sie in ihrem Element. Sie ist Teil des Poesie Kollektivs „Wilde Stille“ und Mitglied bei der Südtiroler Autorinnen und Autoren Vereinigung SAAV, sowie beim Südtiroler Künstlerbund. Aktuell arbeitet sie an ihrem ersten Drehbuch für einen Kurzfilm. Gedichte, Prosatexte, sowie Szenische Texte von ihr werden veröffentlicht und gewinnen Preise.
Mit ihrem Performance Label blütenwerfer performances, entstanden 2006 aus dem Wunsch, Gedichte abseits von klassischen Lesungen erfahrbar zu machen, verarbeitet sie menschliche Seelenbilder zu performativen Aktionsräumen.
In Ihren Arbeiten verbindet sie Performance Art, Schauspiel, Sprache und Körperarbeit zu poetischen Erfahrungsräumen, die sich mit Bewusstsein, Identität und innerer Transformation auseinandersetzen.
Ihre künstlerische Praxis bewegt sich an der Schnittstelle von Performance, Ritual, partizipativen Formaten und zeitgenössischer Erzählkunst. Dabei erforscht sie die Beziehung zwischen Körper, Emotion und Präsenz und schafft Werke, die nicht nur betrachtet, sondern erlebt werden wollen. Für sie geht es um Prozessarbeit, die Betrachter werden selbst zum Performer, zum Wahrnehmenden, erfahrenen Subjekt, das sich berühren lässt.
Das Werk wurde gefördert durch das Amt für deutsche Kultur der Autonomen Provinz Bozen Südtirol. Vielen Dank dafür!
Hinweis: das Coverbild wurde unter zu Hilfenahme von KI bearbeitet, basiert aber auf einem realen Videostill aus dem Video.
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